Ich überlege kurz, wann ich damit eigentlich angefangen habe. Freitag. Es war Freitag. Unglaublich.
Am Sonntagnachmittag hatte ich einen persönlichen KI-Assistenten, der mir gerade eben eine Wochenvorbereitung fürs Bullet Journal per Mail geschickt hatte — inklusive Live-Daten aus meinem Hauskraftwerk. Ein System, das alle fünf Minuten mein Postfach abhört, auf Anfragen antwortet, dreimal täglich Briefings schickt und weiß, was heute wichtig ist.
Drei Tage. Null bis hier.
Der lange Anlauf
Es gibt eine Vorgeschichte, die zu diesem Wochenende geführt hat. Ich sage immer, dass mein echter KI-Kick-off im April 2025 war — und seitdem habe ich sehr intensiv die Podcasts und Videos von Christoph Magnussen verfolgt und viel damit gelernt.
Ich folge ihm schon lange. Seine Art, über digitale Workflows nachzudenken, hat mich immer angesprochen. Als er anfing, sich intensiv mit KI-Agenten zu beschäftigen, war ich dabei.
Vor ein paar Wochen stieg er dann tiefer in Claude Code und das Thema Programmieren ein — und ich dachte erst: Das will ich nicht. Ich will nicht programmieren. Das Thema zieht an mir vorbei. Aber dann hab ich mich mehr mit den Möglichkeiten beschäftigt, zunächst mit Claude Cowork direkt und über Dispatch, durch das man auch, ohne es zu merken, Claude Code starten konnte. Irgendwann dachte ich: Okay, vielleicht sollte ich dem doch mal eine echte Chance geben.
Ich fand einen guten Claude-Code-Kurs auf YouTube — über zwei Stunden —, den ich mir tatsächlich durchgearbeitet habe. Und dabei hat sich etwas verändert. Nicht dramatisch. Aber nachhaltig.
Ich installierte Claude Code auf meinem Mac und integrierte es in VS Code, wie im Kurs empfohlen. Eine echte Entwicklungsumgebung — auch wenn ich ja nicht programmiere. Nicht wirklich.
Davor hatte ich bereits einiges gebaut: diesen KI-Blog, den du gerade liest. Dann einen Skill dafür, dann einen für meinen Naturfotoblog. Die YouTube-Gatekeeper-Idee, die ich gleich mit NotebookLM verbunden habe. Hier ein Plugin, dort ein MCP-Server. Immer konkreter, immer näher an dem, was ich wirklich brauche.
Irgendwann hab ich gemerkt: Das Werkzeug ist nicht mehr das Limit. Das Denken ist es.
Und dann kam das Freitag-Gefühl. Ich hatte nachmittags etwas Wartezeit und nahm Claude Code Remote auf dem iPhone mit — und nutzte diese Zeit, um von unterwegs zu entwickeln. Ich gebe es zu.
Zuerst kam der Name
Mein Ziel war ein Assistent, der mich in vielen Dingen aktiv unterstützt — der weiß, was bei mir los ist, der kommuniziert, der mir Arbeit abnimmt. Bevor eine einzige Zeile Code geschrieben war, wusste ich: Das soll einen richtigen Namen haben.
MERLIN.
Weil Merlin derjenige ist, der im Hintergrund wirkt. Der Wissen hat, das andere nicht haben. Der unterstützt, ohne selbst in den Vordergrund zu drängen. Und für alle, die nicht dahinter schauen, kann das manchmal wie Magie wirken.
MERLIN hat jetzt eine eigene Gmail-Adresse, einen eigenen Anzeigenamen und eine echte Identität.
Learning
Ein Name verändert die Haltung. Wer seinen Agenten wie einen Mitarbeiter behandelt statt wie ein Skript, stellt bessere Anforderungen an ihn — und denkt von Anfang an klarer darüber nach, was er leisten soll.
Das Wochenende
Freitag Abend. Idee. Erste Gespräche mit Claude Code über die Architektur: Was soll MERLIN können? Mails lesen. Mails beantworten. Intelligent routen. Ich hab das halb auf dem Sofa getippt — per iPhone, über Claude Code Remote. So konnte jeder das tun, worin er gut ist. Claude hat gebaut, ich hab nachgedacht und Richtung gegeben. OK — Claude musste sicher häufiger auf mich warten. :-)
Learning
Claude Code Remote auf dem iPhone ist ein echter Gamechanger für asynchrones Bauen. Du musst nicht am Schreibtisch sitzen, um Architektur zu denken. Die Momente dazwischen reichen oft.
Samstag. Das Herzstück entstand: ein Python-Programm, das alle fünf Minuten MERLINs Postfach checkt. Kommt eine Mail von mir rein — mit einem vereinbarten Codewort —, wird sie an Claude weitergeleitet. Antwort kommt als Mail zurück. Das klingt simpel. Es war es nicht.
Claude Code hat das Kernprogramm geschrieben — ich hab ein paar Hinweise gegeben, geschickte Fragen gestellt und geholfen, Fehler einzugrenzen. Das eigentliche Entwickeln lag bei Claude. Was mich gebremst hat, war etwas anderes: herauszufinden, warum macOS den Agenten im Hintergrund einfach stillschweigend nicht startete. Die Ursache waren fehlende Firewallberechtigungen. Im Terminal nie ein Problem. Im Hintergrunddienst fatal. Man kämpft gegen etwas, das man nicht sieht — kein Fehler, kein Hinweis, nichts.
Der Moment, als die erste automatische Antwort-Mail ankam, war eines dieser stillen Erfolgserlebnisse, die man nicht laut feiert, aber lange nicht vergisst.
Samstag kam noch eine andere Idee dazu: Parallel hatte Google in jener Woche Gemma 4 veröffentlicht — mit hervorragenden Bewertungen. Ich wollte dieses Modell unbedingt lokal über Ollama ausprobieren. Und wenn ich Ollama schon einrichte — warum nicht gleich sinnvoll einsetzen? MERLIN bekam ein lokales Routing: Nachrichten mit bestimmten Keywords oder einem [LOKAL]-Tag im Betreff werden komplett offline verarbeitet, ohne Cloud-Upload. Technisch eine Stunde Arbeit. Aber der richtige Gedanke zur richtigen Zeit.
Learning
Wer Ollama sowieso einrichten will, kann es gleich sinnvoll nutzen: Erkannte sensible Keywords oder ein [LOKAL]-Tag im Betreff → lokales Modell statt Cloud. Das Routing-Prinzip funktioniert elegant und kostet fast nichts.
Sonntag. Das Briefing-System:
- 05:30 Uhr — Wetter, Kalender, Nachrichten, ein Zitat, eine Frage für den Tag
- 12:30 Uhr — Nachmittagstermine, Vorschau auf morgen (nur werktags, nur wenn es etwas zu sagen gibt)
- 19:30 Uhr — Wetter morgen, Termine morgen, Abschlussfrage
- Sonntag 15:00 Uhr — Wochenvorbereitung fürs Bullet Journal
Das läuft alles als macOS-Dienst. MERLIN tickt im Hintergrund, auch wenn kein Fenster offen ist.
Learning
Drei Briefings am Tag ist die richtige Granularität. Morgens Orientierung, mittags Umschalten, abends Abschluss. Informationen, die zu einem kommen — statt dass man selbst sucht — setzen mehr Aufmerksamkeit frei, als man zunächst denkt.
Das Highlight: das Hauskraftwerk
Das hatte ich ehrlich gesagt seit Jahren auf der Liste. Mein E3DC-Hauskraftwerk produziert Strom, speichert, speist ein — und ich hab das bisher immer manuell im App-Dashboard abgelesen. Nie automatisiert.
„Das ist zu kompliziert, da müsste ich mich in die API einarbeiten."
Mit Claude Code hat das eine halbe Stunde gedauert. Es gibt eine fertige Python-Bibliothek, das Gerät ist per IP im Heimnetz erreichbar, ein Passwort muss am Gerät aktiviert werden — und dann liefert MERLIN mir nachmittags das:
☀️ Solar: 1.667W | Akku: 100% | Einspeisung: 1.276W
Ein Projekt, das ich lange vor mir hergeschoben hatte — in kürzester Zeit umgesetzt. Ich hab das gesehen und mich gefreut.
Learning
„Zu kompliziert" ist meistens eine Schätzung aus einer Zeit, in der man noch alleine war. Mit Claude Code als Partner löst man in einer Stunde, was man jahrelang verschoben hat — weil er die Dokumentation kennt, die man nie gelesen hat.
Was ich gelernt habe — jenseits der Technik
Das Wichtigste an diesem Wochenende ist kein technischer Punkt. Es ist eine Haltung.
Ich hab mich jahrelang von solchen Projekten ferngehalten: Das ist Programmierkram, das ist nichts für mich. Ich kann Texte schreiben, Systeme denken, Workflows aufbauen — aber Code? Das ist eine andere Liga.
Das stimmt nicht mehr.
Nicht weil ich plötzlich programmieren kann. Sondern weil Claude Code die Lücke schließt zwischen dem, was ich denken kann, und dem, was ich umsetzen kann. Ich muss nicht wissen, wie man einen OAuth-Flow schreibt. Ich muss wissen, was ich will — und dann muss ich die Konversation führen.
Das ist eine eigene Fähigkeit. Und ich lerne sie gerade.
Learning
Die neue Kernkompetenz heißt nicht Programmieren. Sie heißt: präzise beschreiben können, was ein System leisten soll. Wer klare Anforderungen formulieren kann, Sicherheitsfragen mitdenkt und weiß, was „fertig" bedeutet — der baut mit Claude Code schneller als Teams früher gebaut haben.
Was noch kommt
MERLIN ist kein fertiges Produkt. Er ist ein wachsendes System.
Und ich starte mit ihm in eine Woche, in der ich gespannt bin, wie das alles klappt. Ob die Briefings wirklich das liefern, was ich mir vorstelle. Ob die Termine korrekt einfließen. Ob das Hauskraftwerk morgen früh wieder grüßt.
Der Punkt ist: Er existiert. Er läuft. Er hat mir heute schon zweimal geschrieben.
Und ich freu mich auf Montag früh um halb sechs.
Fazit
Ein Wochenende kann reichen, um eine Idee in die Welt zu bringen — wenn man aufgehört hat, sie zu verschieben. MERLIN ist mein persönlichstes KI-Projekt bisher. Nicht das spektakulärste. Aber das, das sich am meisten anfühlt wie meins.
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