MERLIN läuft. Das ist schön. Aber wer schon mal mit einem Agenten gearbeitet hat, kennt das Problem: Jede neue Session fängt von vorne an. Kein Gedächtnis. Kein Kontext. Du erklärst wieder, wer du bist, was du machst, was letzte Woche besprochen wurde. Praktikant trifft Goldfish.

Das war der Stand vor ein paar Tagen. Und dieser Stand hat mich genug geärgert, dass ich etwas dagegen getan habe.

Telegram statt Mail — weil Mail einfach nicht wollte

Bislang hatte MERLIN einen Mail-Eingangskanal. Alle fünf Minuten Postfach checken, auf meine Nachrichten antworten, Briefings rausschicken. In der Theorie solide. In der Praxis: hoppelig. Mails landeten im Spam, das Timing stimmte nicht, und ich musste ein Codewort mitschicken, damit MERLIN weiß, dass ich es bin.

Irgendwann hat Claude — meistens mein Programmierer, manchmal Diskussionspartner, an dem Tag eher skeptisches Gegenüber — angeregt, über Alternativen nachzudenken. Ich war nicht sofort überzeugt. Ich hatte noch einen alten Telegram-Account, den ich kaum nutzte. Telegram kam mir immer wie „das Messenger-Ding für Leute, die WhatsApp misstrauen" vor.

Aber ich hatte zufällig ein Video darüber gesehen, wie Telegram in Claude Code eingerichtet wird. Daher dachte ich zunächst, das würde aufwändiger werden. Aber weit gefehlt.

MERLIN hat dann — wie meistens — 90 % der Arbeit erledigt. Konfiguration, Bot-Setup, Authentifizierung via Chat-ID. An einem Punkt hat er mir gesagt, welchen Button ich in Telegram klicken muss, um meinen eigenen Chat-Link zu generieren — und den habe ich ihm übergeben. Fertig.

Der Kanal steht. Schnell, zuverlässig, kein Codewort, keine fünf Minuten Wartezeit. Nebenbei auch noch die Spülmaschine ausgeräumt. Ganz ohne Macken ist er auch nicht: Manchmal antwortet MERLIN nicht sofort, weil für jede Antwort eine neue Prozessinstanz gestartet wird, die erst orientierungslos herumschaut. Schon irgendwie nervig.

Learning

Wer eine Technologie zögert auszuprobieren, weil sie sich „nach nichts für mich" anfühlt, sollte trotzdem kurz reingucken. Manchmal passt sie besser als die vertraute Lösung — die eigentlich nie richtig funktioniert hat.

Das eigentliche Problem: MERLIN vergisst alles

Neuer Kanal, altes Problem. MERLIN wusste immer noch nichts. Jede neue Claude-Code-Session war ein leeres Blatt. Ich musste erklären, was wir die letzten Tage gemacht hatten. Wer ich bin. Was gerade ansteht.

Ich will keinen Assistenten, dem ich bei jeder Session die Hand geben und sagen muss: „Hallo, ich bin Olaf." Ich will einen, der mit mir wächst.

Also haben wir eine Wissensbasis gebaut. Zuerst einfach: Markdown-Dateien in Unterverzeichnissen. Flache Struktur, schnell zugänglich. Dazu ein Memory-System direkt in Claude Code — ein Verzeichnis, das über Sessions hinweg erhalten bleibt und in das MERLIN automatisch schreibt, wenn etwas Wichtiges passiert: eine Entscheidung, ein offenes To-do, eine Präferenz, die ich geäußert habe.

Schon deutlich besser. Aber noch nicht fertig gedacht.

Learning

Ein Gedächtnis aufzubauen ist kein technisches Problem — es ist ein Architekturproblem. Wer schreibt was rein, wann, in welchem Format? Diese Fragen entscheiden, ob ein System nützlich wird oder zum Datenschrank verkommt, den niemand mehr liest.

NotebookLM als Wissensquelle

Ich nutze NotebookLM schon länger — zum Aufbereiten von Videos, PDFs und langen Texten. Was ich noch nicht hatte: eine Verbindung zu MERLIN.

Die gibt es jetzt. Ich habe eine Schnittstelle gebaut, über die MERLIN mit NotebookLM kommunizieren kann. Material hochladen, Notebooks auswerten, Ergebnisse herunterladen — inklusive der Präsentationen, die NotebookLM aus meinen Quellen erstellt. Diese Verbindung habe ich auch mit meinem YouTube-Gatekeeper verknüpft: Interessante Videos landen erst in NotebookLM, werden dort aufbereitet, und die relevanten Erkenntnisse fließen in MERLINs Wissensbasis ein.

Was vorher in Notebooks schlummerte, ist jetzt für MERLIN abrufbar. Er kann nachlesen, was ich über E3DC-Optimierung weiß. Was in meinem Polarlicht-Notebook steckt. Was Mouratoglou über Tennistaktik sagt.

Learning

Eine Wissensquelle ist nur so gut wie der Zugang dazu. NotebookLM allein ist ein Silo. Verbunden mit einem Agenten, der daraus schöpfen kann, wird es zu einer echten Ressource.

Das lebende Wiki — eine Idee von Andrej Karpathy

Dann bin ich eines Morgens über ein YouTube-Video gestolpert. Andrej Karpathy — KI-Forscher, Tesla, OpenAI — hat sein persönliches Wissensmanagement-System veröffentlicht. Er nennt es ein „Living Wiki": kein statischer Wissensspeicher, sondern ein System, das mit jedem Gespräch wächst und aktiv genutzt wird. Das Grundmodell liegt auf GitHub, gebaut für Markdown, gedacht für Obsidian.

Ich nutze kein Obsidian. Ich nutze DEVONthink.

Aber das Konzept ließ mich nicht los. Also habe ich mit Claude darüber gesprochen. Können wir das übernehmen? Anpassen? Auf DEVONthink umbauen?

Ja. Problemlos. DEVONthink kann Markdown-Ordner als externe Gruppe indexieren — das bedeutet: MERLIN schreibt, DEVONthink liest. Die Wissensbasis liegt auf dem Dateisystem, ist für MERLIN zugänglich und gleichzeitig in DEVONthink suchbar, verknüpfbar, kuratierbar.

Das neue System läuft seit ein paar Tagen. Die Struktur ist klarer, die Inhalte besser geordnet. Ob es im Alltag hält, was es verspricht — das zeigen die nächsten Wochen.

Learning

Die besten Ideen muss man nicht selbst erfinden. Man muss sie erkennen, wenn sie einem begegnen — und dann entscheiden, ob man sie ins eigene System integriert. Karpathys Konzept hat bei mir sofort geklickt. Der Umbau auf DEVONthink war eine Stunde Arbeit.

Nebenbei: GitHub und Deployment

Als Randnotiz, aber nicht unwichtig: In dieser Phase haben wir meinen gesamten Agenten-Workspace auf GitHub hochgeladen — Kontext, Skills, Module, Commands, alles. Privates Repository, ordentlich versioniert. Eigentlich auch noch ein Buch-mit-sieben-Siegeln für mich. Mal sehen, was ich da mit der Zeit noch lernen darf.

Unerwarteter Nebeneffekt: Auch der Deployment-Prozess meines KI-Blogs hat sich verändert. Früher war das eine manuelle Sache (für MERLIN) — Netlify-Befehl, Token, Kommandozeile. Jetzt läuft das über GitHub Actions: Ich pushe eine Änderung, der Blog aktualisiert sich automatisch.

Was noch nervt

Ich stoße gerade regelmäßig an meine Nutzungsgrenzen bei Claude.ai. Viel Durchsatz, viel Iteration — das zehrt an verfügbaren Tokens. Ich würde gerne einen Qualitätscheck über meine bisherige Programmierung laufen lassen, mit Opus statt Sonnet. Aber dafür brauche ich Luft im Kontingent, die ich gerade nicht habe.

Das ist kein Drama. Aber es zeigt: Intensive Entwicklungsphasen und das Nutzungsmodell passen nicht immer zusammen. Ich muss priorisieren, was wirklich von mir gebraucht wird.

Fazit

MERLIN vergisst immer noch — das wird sich nie ganz abstellen lassen, weil jede Session neu startet. Aber er vergisst weniger. Er weiß mehr. Und das Wissen liegt an einer Stelle, an die er jederzeit zurückkommt.

Ein Assistent, der mit mir wächst, war das Ziel. Es fängt an, sich so anzufühlen.


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